Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte

Jugend im Spannungsfeld zwischen Algorithmen und Identitätssuche

Soziale Medien prägen heute maßgeblich, wie Jugendliche die Welt sehen – und welche Werte sie entwickeln. Das zeigt die Studienreihe »Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte« des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), die in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales sowie der MaLisa Stiftung durchgeführt wurde.

Key Findings

Auswahl Vorabergebnisse Schwerpunkt auf junge Männer, soziale Medien und Weltbilder

- Soziale Medien prägen bei 9 von 10 Jugendlichen das Weltbild
TikTok und Instagram sind das zentrale Medium zur sozialen Orientierung und Information. Jugend-liche nutzen sie meist täglich.

- 42% der Jungen haben ein Geschlechterbild, das Männern mehr Rechte zugesteht als Frauen.

- Interesse an Statussymbolen führt Jungen in extremistische Filterblasen
Begeistern sich Jungen für muskulöse Körper und teure Autos, zeigt TikTok ihnen Clips aus der rechts-extremen Szene und der Manosphere.

- Bei einem Viertel der Jungen ist das Weltbild geprägt von männlicher Dominanz, LGBTQ+-Ablehnung, Klimakrisenleugnung, einer politischen Rechtsorientierung und Unzufriedenheit mit der Demokratie.

- Die emotionale Verunsicherung als Ankerpunkt
Die Clips der Manosphere setzen gezielt bei der emotionalen Verunsicherung von Jungen an: Einsamkeit, das Gefühl von Abwertung und schmerzhafte Beziehungserfahrungen.

- Schon zwölf Sekunden können wirken:
Pro-demokratische und pro-soziale TikTok-Clips, die Ästhetik und Bedürfnisse von Jugendlichen aufgreifen, erweitern messbar Weltbilder und Werte

 

TikTok als Informationsquelle: Zwischen Authentizität und Manipulation

Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Social Media nicht nur Begleiter, sondern zentraler Lebensraum ist. TikTok, Instagram und ähnliche Plattformen übernehmen Funktionen, die früher Familie, Schule oder Peers innehatten: Orientierung, Weltdeutung und Wertebildung. Für viele Jugendliche ist TikTok bereits die wichtigste, oft sogar die einzige Informationsquelle. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Jugendliche positive Alternativen brauchen: neue Männlichkeitsbilder, mentale Unterstützung für junge Frauen, Orientierung bei Klimafragen – und Räume, in denen Gleichberechtigung und Demokratie zeitgemäß vermittelt werden.

Diese neue Studie reiht sich ein in ein langjähriges Engagement der MaLisa Stiftung. Bereits 2019 veröffentlichte sie eine vielbeachtete Untersuchung zu Geschlechterdarstellungen in Social Media und audiovisuellen Medien, die zeigte, wie stereotype Rollenbilder online normalisiert und reproduziert werden.
Die aktuelle Studie knüpft an diese Erkenntnisse an – und zeigt, wie sich das Problem seitdem weiter verschärft hat.
Um zu verstehen, welche Rolle Medien im Alltag Jugendlicher spielen, wurde zunächst mit qualitativen Fallstudien tief in ihre Lebenswelten eingetaucht.
Darauf aufbauend wurden 705 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren repräsentativ befragt.

Für neun von zehn Jugendlichen sind soziale Medien zentral für ihr Weltbild

  • 90 % nutzen soziale Medien, um sich über Themen zu informieren, die sie interessieren

  • 84 % lesen Kommentare, um zu sehen, wie andere diskutieren

  • 66 % informieren sich über soziale Medien zu Politik und Zeitgeschehen

Diese Ergebnisse decken sich mit aktuellen EU-Jugendstudien: Für die Mehrheit der Jugendlichen in der EU sind soziale Medien inzwischen das Leitmedium für Informationen über Politik und gesellschaftliche Themen(European Parliament, 2025).

Männliche Statussymbole als Einstieg in extremistische Inhalte

Ein besonderer Fokus der Studienreihe lag auf Jungen, ihren Weltbildern und Wertvorstellungen. In den Fallstudien zeigte sich dabei ein überraschendes Muster: Interessieren sich Jungen für muskulöse Körper oder teure Autos, zeigt ihnen der TikTok-Algorithmus Inhalte rechtsextremer Akteur*innen und der Manosphere, plattformübergreifenden Online-Communities in denen frauenfeindliche Ideologien verbreitet werden. Zwar geben viele Jugendliche an, Fake News erkennen zu können und sozialen Netzwerken grundsätzlich zu misstrauen. Im Alltag fehlt jedoch die konkrete Medienkompetenz, um Desinformation und Propaganda tat-sächlich zu erkennen und einzuordnen.

Ein Viertel der Jungen mit besorgniserregendem Weltbild

Besorgniserregend ist: Rund 26 % der Jungen zeigen ein Weltbild, das von einer vermeintlich naturgegebenen Dominanz von Männern, politisch rechter Orientierung, LGBTQ+-Feindlichkeit, Klimakrisenskepsis oder -leugnung sowie Unzufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland geprägt ist. Dies bedeutet u.a.:

  • 97 % sehen Männer und Frauen von Natur aus als grundsätzlich unterschiedlich

  • 95 % finden, dass Gendern grundsätzlich abgeschafft werden sollte

  • 81 % halten Klimaaktivist*innen für völlig unnötig

  • 63 % sind unzufrieden mit der Demokratie, wie sie in Deutschland besteht

Nur 43 % sind der Meinung, dass Männer, Frauen und non-binäre Personen die gleichen Rechte und Chancen haben sollten.

Klimalwandel-Leugnung, Männlichkeitsbilder und rechte Orientierung: Ein bemerkenswerter Dreiklang

Der Themenkomplex „Klima & Artenvielfalt“ spielt für Jugendliche weiterhin eine Rolle – aber anders als noch vor wenigen Jahren. Die Studie zeigt:
70 Prozent aller Jugendlichen ist das Thema Klimawandel sehr/eher wichtig. Unter den Jugendlichen, die sich politisch rechts verorten, ist das Thema nur 40 Prozent wichtig, 60 Prozent ist er eher nicht/gar nicht wichtig. 46 Prozent aller Jugendlichen möchten sich in der Freizeit nicht mit dem Klimawandel beschäftigen. 82% der Jugendlichen, die sich politisch rechts einordnen, haben keine Lust, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen. 69 Prozent der Jugendlichen, die sich rechts verorten, sind der Ansicht, dass das Thema in den Medien über-trieben dargestellt wird. Im Vergleich: Nur 40 Prozent aller Jugendlichen sehen das auch so. 83 Prozent der Jugendlichen, die sich politisch rechts einordnen, finden, dass Klimaaktivisten total unnötig sind. Im Vergleich: Dem stimmen 48 Prozent aller Jugendlichen zu.
Besonders überraschend ist die deutliche Überschneidung von Klimaleugnung und toxischen Männlichkeitsbildern – eine Erkenntnis, die in dieser Form erstmals wissenschaftlich dokumentiert wurde.
Gleichzeitig zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechterbildern von Jungen und Mädchen. Mädchen vertreten deutlich häufiger ein egalitäres Verständnis von Geschlechterrollen (Götz, Wenzel & Mendel, 2026). Diese auseinanderdriftenden Vorstellungen können Beziehungen erschweren – und sind möglicherweise ein Hintergrund dafür, dass Jugendliche und junge Erwachsene heute zunehmend seltener feste Partnerschaften eingehen (Gonzalez et al., 2024; Krämer et al., 2026)

Emotionale Verunsicherung als Einfallstor

Die Inhalte rechtsextremer Akteur*innen und der Manosphere wirken vor allem deshalb, weil sie gezielt emotionale Verunsicherung aufgreifen. In einer Analyse von 300 Manosphere-Clips werden typische Muster sichtbar: Thematisiert werden schmerzhafte Beziehungserfahrungen, die gefühlte Abhängigkeit von Frauen, Eifersucht, Misstrauen und Einsamkeit. Explizit und eindringlich wird die Schuld bei Frauen und ihrer niederen Art verkündet: „Diese kleine Bitch hat dein Herz benutzt wie ein Spielzeug. Jedes ‚Ich liebe dich‘ war die dreckigste Lüge ihres Lebens.“
Oft dienen diese Clips dazu, fragwürdige Männlichkeitskurse und Datingtipps zu verkaufen.
Besonders problematisch ist die Incel-Szene: Dort zelebrieren junge Männer ihr vermeintlich unzureichendes Aussehen und entmenschlichen Frauen auf aggressive Weise als sogenannte „foids“ (female humanoids), um sich so zumindest ein bisschen wertvoller zu fühlen.
Jugendlichen in Deutschland fühlen sich zunehmend einsam (z.B. Schütz et al., 2024; Zöllner et al., 2025). Extremistische Akteur*innen nutzen dies gezielt aus und ziehen Jugendliche in ihre Filterblasen. So entsteht ein frauenfeindlicher Extremismus mit hohem Gewaltpotenzial (Kaiser, 2020; Miller-Idriss, 2025; Dier & Baldwin, 2022). Der Ausstieg aus solchen Netzwerken ist ausgesprochen schwierig und die Entradikalisierungsprozesse sind langwierig (Botto & Gottzén, 2024).

Schon zwölf Sekunden können etwas verändern

In der Studienreihe »Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte« wurden im nächsten Schritt TikTok Clips produziert und getestet, die gezielt bei den Bedürfnissen und der Ästhetik der Jungen ansetzt, sie aber durch pro-soziale und pro-demokratische Orientierungspunkte erweitert.
Ein Beispiel greift die sogenannte „Red-Pill-Ideologie“ auf – die Vorstellung, Männer seien mittlerweile Opfer der Gleichberechtigung. Dieser Aussage stimmen 50 % der politisch rechtsorientierten Jungen zu. In dem Clip widerspricht ein attraktiver junger Mann dieser Idee deutlich, bezeichnet sie als „total schräg“ und die daraus resultierende Gewalt gegen Frauen als „echt ekelhaft“. Seine klare Botschaft: „Starke Männer verteidigen Frauen – und ihre Rechte.“
Der nur zwölf Sekunden lange Spot wurde im Rahmen einer 25-minütigen Befragung gezeigt. Anschließend stimmten nur noch 43 % der politisch rechtsorientierten Jugendlichen der Aussage zu, Männer seien mittlerweile Opfer der Gleichberechtigung.
Auch wenn keine Aussagen über die Nachhaltigkeit dieser spontanen Veränderungen getroffen werden kann, zeigt das Ergebnis: Wenn es gelingt, die Bedürfnisse von Jugendlichen ernst zu nehmen und ihnen Orientierung in einer für sie attraktiven Ästhetik zu bieten, eröffnen sich reale Chancen für pro-soziale und pro-demokratische Erweiterung der Weltbilder und Werte.

 

Methoden Outline der Studienreihe

1. Qualitative Fallstudien mit Jugendlichen

Im ersten Schritt wurden Fallstudien mit Jugendlichen (15 bis 17 Jahre) erhoben, von denen sich jeweils die Hälfte als politisch rechtsstehend selbst identifiziert. Die Best-friends-Interviews dauerten ca. 90-100 Minuten und thematisierten den Alltag, Mediennutzung, Werte sowie die Haltung zu gesellschaftlich relevanten Themen und politischen Einstellungen.

2. Standardisierte Befragung

In einer standardisierten Erhebung wurden anschließend n=705 Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren befragt. Die Stichprobe ist repräsentativ ausgewählt und quotiert nach Geschlecht, Alter, Wohnort, Bildung, und Migrationshintergrund. Die Themenbereiche der 110 Items betrafen die Nutzung von Sozialen Medien, die Bedeutung von Influencer*innen, die Vorstellungen von Geschlechterrollen, sowie das Interesse und die Einstellungen zu relevanten gesellschaftlichen Themen wie Politik, Klimawandel, Migration und Gewalt.

3. Rezeptionsstudie zu TikTok Clips

Im dritten Schritt wurden 30 TikTok-affine Clips produziert, die gezielt bei den Bedürfnissen, Wünschen der rechten Jugendlichen ansetzten, ihre Deutungsmuster und Ästhetik aufgreifen, sie dann aber um pro-soziale und pro-demokratische Werte erweitern.

In einer Rezeptionsstudie mit n=210 Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren, von denen sich 60% der Befragten selbst als politisch rechtsstehend identifiziert, wurden 20 Clips getestet. Die Befragten sahen jeweils 15 Videos, beurteilten sie nach u.a. Gefallen und ob sie ihn auf TikTok teilen würden. Umrahmt wurde die Erhebung von einer Pre-Post-Befragung, in der u. a. ihre Einstellung zu Deutschland und Demokratie, zu Geschlechterbildern und zum Thema Gewalt erfragt wurde.

Durchgeführt wurde alle drei empirischen Erhebung mit Jugendlichen von G.I.M, Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH, die Feldzeit lag zwischen Februar und September 2025. Ergänzend führte das Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) Medien-analysen durch. Zum einen zu Algorithmen auf TikTok, zum anderen qualitative und quantitative Analysen zu politischen TikTok-Spots, sowie qualitative und quantitative Medienanalysen zu 300 Clips rechts-extremer Influencer auf TikTok und 300 Clips der Manosphere auf TikTok durch.

Literaturnachweis

Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ): Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland 2025, S. 12

Dier, A., & Baldwin, G. (2022). Masculinities and violent extremism. International Peace Institute and UN Security Council Counter-Terrorism Committee Executive Directorate, 2022-12.

European Parliament. (2025). Youth and media: Social media overtakes traditional media as primary source of political and societal information among EU youth (Eurobarometer Youth Survey 2024/2025). Brussels: European Parliament.

Gonzalez Avilés, T., Bühler, J. L., Brandt, N. D., & Neyer, F. J. (2024). Today’s Adolescents Are More Satisfied With Being Single: Findings From a German Cohort-Sequential Study Among 14- to 40-Year-Olds. Personality and Social Psychology Bulletin.

Kaiser, S. (2020). Politische Männlichkeit: Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. Suhrkamp Verlag.

Krämer, M. D., Stern, J., Buchinger, L., MacDonald, G., & Bleidorn, W. (2026). Life Satisfaction, Loneliness, and Depressivity in Consistently Single Young Adults in Germany and the UK. Journal of Personality and Social Psychology.

Matteo Botto & Lucas Gottzén (2024) Swallowing and spitting out the red pill: young men, vulnerability, and radicalization pathways in the manosphere, Journal of Gender Studies, 33:5, 596-608

Miller-Idriss, C. (2025). Man up: The new misogyny and the rise of violent extremism.

Schütz, R., Bilz, L. Increasing loneliness among German children and adolescents from 2018 to 2022: A cross-sectional survey before and after the onset of the COVID-19 pandemic. J Public Health (Berl.) (2024).

Zoellner F, Erhart M, Schütz R, Napp AK, Devine J, Reiss F, Ravens-Sieberer U, Kaman A. Two decades of loneliness among children and adolescents: longitudinal trends, risks and resources - Results from the German BELLA and COPSY studies. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2025 Nov;34(11):3629-3641.

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Darstellung von Klimawandel & Biodiversität