Männlichkeit aus dem Algorithmus

Wie die Manosphere unsere Gesellschaft prägt
Abschluss der Studienreihe „Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte“ und neue Perspektiven

Die von der MaLisa Stiftung und dem bayerischen Familienministerium geförderte Studienreihe „Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte“  hat die Debatte über den Einfluss digitaler Plattformen auf Jugendliche nachhaltig geprägt. Aufbauend auf den Ergebnissen gilt es nun, wirksame Ansätze für Bildung, Medienpraxis und Plattformverantwortung zu entwickeln. Erste Vorschläge liefert bereits die Studie.
Die unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Maya Götz am Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) entstandenen Untersuchungen zeigen eindrücklich, wie Algorithmen Geschlechterbilder, Demokratieverständnis und gesellschaftliche Orientierung von Jugendlichen beeinflussen. Die MaLisa Stiftung knüpft mit der Förderung der Studienreihe an ihre langjährige Arbeit zu Geschlechterdarstellungen und gesellschaftlicher Verantwortung von Medien an.
Die Ergebnisse der einzelnen Teilstudien wurden nun gesammelt in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift televIZIon veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen Fragen, die gesellschaftlich zunehmend an Bedeutung gewinnen: Welche Geschlechterbilder begegnen Jugendlichen in sozialen Medien? Welche Rolle spielen Algorithmen bei der Verbreitung von Frauenfeindlichkeit, toxischen Männlichkeitsbildern oder demokratiefeindlichen Narrativen? Und wie verändert sich gesellschaftliche Orientierung, wenn Plattformen zu zentralen Räumen der Wertebildung werden?

Die Studienreihe kombiniert qualitative Fallstudien, repräsentative Befragungen und Medienanalysen. Insgesamt wurden 705 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren befragt. Ergänzend analysierte das Forschungsteam unter anderem TikTok-Algorithmen sowie hunderte Clips aus der sogenannten Manosphere und von rechtsextremen Influencern.

Soziale Medien als zentrale Orientierungsräume
Die Ergebnisse zeigen, wie zentral soziale Medien inzwischen für die Orientierung junger Menschen geworden sind: Neun von zehn Jugendlichen nutzen Plattformen wie TikTok oder Instagram, um sich über Themen zu informieren, die sie interessieren. 66 Prozent informieren sich dort über Politik und gesellschaftliche Themen. Gleichzeitig lesen 84 Prozent regelmäßig Kommentare, um zu beobachten, wie andere diskutieren.

Besonders intensiv beschäftigte sich die Studienreihe mit der Frage, wie Jungen und junge Männer in algorithmischen Plattformwelten angesprochen werden. Die Forschung zeigt, dass Jugendliche oft nicht gezielt nach radikalen Inhalten suchen, sondern über scheinbar harmlose Themen wie Fitness, Selbstoptimierung, Luxus oder Statussymbole schrittweise mit antifeministischen und demokratiefeindlichen Narrativen in Kontakt kommen können. Interessieren sich Jungen etwa für muskulöse Körper oder teure Autos, empfiehlt der TikTok-Algorithmus verstärkt Inhalte aus der Manosphere oder von rechtsextremen Akteuren.
Besonders alarmierend: Rund ein Viertel der befragten Jungen weist laut Studie ein Weltbild auf, das von männlicher Dominanz, LGBTQ+-Ablehnung, Klimakrisenskepsis, politischer Rechtsorientierung und Unzufriedenheit mit der Demokratie geprägt ist. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse aber auch, dass viele Jugendliche ausdrücklich offen für Gleichberechtigung, Vielfalt und neue Rollenbilder sind.

 

Öffentliche Diskussion und Resonanz
Auf der DLD in München wurden im Januar 2026 erste Ergebnisse öffentlich vorgestellt und diskutiert: https://dldnews.com/videos/hacking-the-manosphere/
Im Zentrum stand dabei die Frage, wie soziale Medien politische Einstellungen, Geschlechterrollen und demokratische Kultur beeinflussen – und welche Möglichkeiten es gibt, Jugendlichen positive und demokratische Gegenangebote zu machen.
Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt die Studienreihe auch bei ihrer Vorstellung im Rahmen der Berlinale 2026: https://www.fff-bayern.de/pressemitteilungen/76-berlinale-feier-des-films-in-der-bayerischen-vertre…

von links oben: Louis Klamroth, Mark Waschke, Maria Furtwängler, Maya Götz, Nataly Kubiador

Dort diskutierten Dr. Maya Götz, Nataly Kubiador, Marc Waschke, Louis Klamroth und Maria Furtwängler über digitale Radikalisierung, Geschlechterbilder und die gesellschaftliche Verantwortung von Plattformen. Die Präsentation der Ergebnisse löste bundesweit Resonanz aus und wurde in zahlreichen Medien aufgegriffen – unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, im Deutschlandfunk, im Tagesspiegel, bei rbb24 sowie in Fernsehsendungen, Podcasts und sozialen Netzwerken.

Maria Furtwängler betonte im Zusammenhang mit der Studienreihe mehrfach, wie wichtig neue und vielfältige Vorbilder gerade für junge Männer seien. „Ich erlebe eine Verunsicherung bei jungen Männern. Und ich vermisse gute Vorbilder“, sagte sie bereits bei einer Veranstaltung zu zeitgemäßen Männlichkeitsbildern im Rahmen des Filmfest München 2025.
Maya Götz beschreibt in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau die gesellschaftlichen Hintergründe problematischer Männerbilder und erklärt: „Für Männer besteht weniger Druck zur Selbstreflexion.“ Dominante Gruppen müssten sich häufig weniger hinterfragen, so Götz – entsprechend selten werde reflektiert, „was es eigentlich bedeutet, ein Mann in unserer Gesellschaft zu sein“.
Die Studienergebnisse machen auch deutlich, dass ein Zusammenhang zwischen der Inhalten der Manosphere und Klimawandel-Skepsis besteht. Im Interview mit Telepolis, spricht Götz von bestimmten politischen und kulturellen Narrativen, die gemeinsam auftreten “(…)etwa rechte Orientierung, Vorstellungen von "starker" Männlichkeit und Zweifel am Klimawandel, ein Beispiel dafür ist Donald Trump.”.

Die Studienreihe macht deutlich, dass genau diese fehlende Reflexion von sozialen Plattformen gezielt ausgenutzt werden kann. Viele Inhalte der Manosphere setzen laut Forschung unmittelbar bei emotionalen Verunsicherungen junger Männer an – etwa bei Einsamkeit, Frustration oder dem Gefühl sozialer Abwertung. Gleichzeitig fehlen häufig positive digitale Gegenentwürfe von Männlichkeit, die Empathie, Gleichberechtigung oder Verletzlichkeit sichtbar machen.

Ausblick: Ein neues Verständnis von Jugend, Medien und Verantwortung
Ein weiterführender Teil der Studienreihe beschäftigte sich deshalb auch mit der Frage, welche Gegenstrategien wirken können. Dafür wurden eigens TikTok-affine Kurzclips entwickelt, die bewusst an der Ästhetik und den Bedürfnissen Jugendlicher ansetzen, gleichzeitig aber pro-soziale und pro-demokratische Werte vermitteln. Die Ergebnisse zeigen, dass selbst sehr kurze Clips Einfluss auf Einstellungen haben können.

Soziale Medien sind heute weit mehr als Unterhaltungsplattformen. Sie haben sich zu zentralen Räume gesellschaftlicher Orientierung, Identitätsbildung und demokratischer Aushandlung entwickelt. Die Aufgabe von Gesellschaft, Bildung, Politik und Stiftungen wie der MaLisa Stiftung besteht darin:

  • Räume für positive Zukunftsbilder zu schaffen

  • geschlechtersensible Ansätze weiterzuentwickeln

  • digitale Formate zu stärken, die Demokratie, Vielfalt und Nachhaltigkeit vermitteln

  • Jugendlichen Wege zur Selbstwirksamkeit zu eröffnen

  • und konsequent gegen Misogynie, Extremismus und Desinformation vorzugehen

Die MaLisa Stiftung will die Erkenntnisse aus der Studie und mögliche Handlungsempfehlungen deshalb weiter in öffentliche Debatten, Bildungsarbeit und medienpolitische Diskussionen einbringen – gemeinsam mit Wissenschaft, Medien, Kultur und Gesellschaft.

„Über diese Studie wird noch viel zu reden sein. Sie zeigt nicht nur auf, wie und welche Propaganda in den sozialen Medien wirkt. Sie gibt auch Ideen an die Hand, wie wenigstens ein Stück weit dagegen zu kämpfen wäre.“ Süddeutsche Zeitung

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