Natur schützen = Leben schützen

Natur schützen = Leben schützen – Auftakt einer Kampagne, die Hoffnung erzählt

Es geht um nicht weniger als unsere Lebensgrundlage. Beim gemeinsamen Kampagnenauftakt von Naturschutzbund Deutschland (NABU) und MaLisa Stiftung am 17. April in der Botschaft der Wildtiere wurde deutlich: Der Schutz der Natur ist kein Randthema – er ist zentral für unsere Zukunft. Unter dem Titel „Natur schützen = Leben schützen. 30x30. Worauf warten wir?“ versammelten sich prominente Unterstützer*innen, Expert*innen und Medienvertreter*innen, um über den Zustand der Biodiversität – und vor allem über neue Wege ins Handeln – zu sprechen. 

Im Mittelpunkt stand dabei eine Frage, die sich durch den gesamten Tag zog: Warum gelingt es uns trotz klarer Faktenlage noch immer nicht, konsequent zu handeln? Wie wie können wir das ändern und das Thema fest im öffentlichen Diskurs verankern? 

Maria Furtwängler, Foto: Frizzi Kurkhaus

Geschichten der Hoffnung statt Zahlen der Krise

Zum Auftakt sprach Maria Furtwängler, Schauspielerin, Produzentin und Co-Gründerin der MaLisa Stiftung, über einen Perspektivwechsel. Lange habe man geglaubt, dass mehr Wissen automatisch zu mehr Handeln führt. Die Realität sehe anders aus. 
Die Zahlen sind bekannt – dramatisch und eindeutig: massive Verluste bei Insekten, Vögeln und Lebensräumen, degradierte Böden und kollabierende Ökosysteme. Doch statt Bewegung erzeugen sie oft Ohnmacht. Furtwänglers Schlussfolgerung: „Gerade wenn alles aussichtslos scheint, brauchen wir Geschichten der Hoffnung und des Gelingens.“ 
Genau hier setzt die Kampagne an. Mit emotionalen „Träumervideos“ und persönlichen Perspektiven will sie neue Zugänge schaffen – jenseits von reiner Problembeschreibung. Im Zentrum stehen Menschen, ihre Beziehung zur Natur und die Frage, was wir zu verlieren haben. 

Hier gehts zur Kampagne, die Video werden laufend ergänzt

30x30 – ein Ziel, das erreichbar ist

Im Zentrum der Kampagne steht das sogenannte 30x30-Ziel – ein international vereinbartes Vorhaben, das oft auf eine einfache Formel reduziert wird, aber deutlich mehr bedeutet. Konkret geht es darum, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter wirksamen Schutz zu stellen, um das Artensterben aufzuhalten und Ökosysteme zu stabilisieren. 
Entscheidend ist dabei nicht nur die Fläche, sondern vor allem die Qualität dieses Schutzes. Ein zentrales Element – auch aus Sicht des NABU Deutschland – ist, dass Schutzgebiete tatsächlich funktionieren: Sie brauchen klare Regeln, konkrete Schutzziele und ein langfristiges Management. Reine „Papier-Schutzgebiete“ reichen nicht aus. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Schutzgebiete sollen nicht isoliert voneinander bestehen, sondern als vernetztes System funktionieren. Nur so können Arten wandern, sich an veränderte Klimabedingungen anpassen und genetischen Austausch sichern. 

Gleichzeitig zeigt sich, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Realität noch ist. Zwar gibt es bereits zahlreiche Schutzgebiete, doch viele davon sind nicht ausreichend gesichert oder erlauben weiterhin intensive Nutzung. Auch Deutschland ist noch weit davon entfernt, die vereinbarten Ziele vollständig umzusetzen – insbesondere beim streng geschützten Anteil. 

Die Kampagne macht deutlich, dass das Ziel erreichbar ist – aber nur, wenn aus politischen Zusagen konkrete Maßnahmen werden. Es geht nicht nur darum, mehr Flächen auszuweisen, sondern darum, Natur tatsächlich wieder Raum zu geben. 

Furtwängler bezeichnete dieses Abkommen als „Story of Hope“ – als konkreten Beweis dafür, dass Veränderung möglich ist. Historische Beispiele wie das internationale FCKW-Verbot zeigen, dass globales Handeln funktionieren kann, wenn politischer Wille und gesellschaftlicher Druck zusammenkommen. 

Auch Susanne Baumann, Bundesgeschäftsführerin des NABU Deutschland, machte die Dringlichkeit politischen Handelns deutlich: „Wir stehen beim Schutz der biologischen Vielfalt an einem entscheidenden Punkt. Die wissenschaftlichen Fakten sind eindeutig, der Handlungsbedarf ist enorm – und dennoch verlieren wir weiter wertvolle Natur. 30 Prozent Schutzflächen bis 2030 sind kein fernes Ideal, sondern eine notwendige Mindestmarke.“ 

Zwischen Erkenntnis und Verdrängung

In der von Jessy Wellmer, ARD-Journalistin und Moderatorin unter anderem der Tagesthemen, moderierten Diskussion wurde deutlich, wie komplex die Herausforderung ist. Gemeinsam mit Michel Abdollahi , bekannt als Moderator und Journalist unter anderem für den NDR, Dr. Frauke Fischer, Biodiversitätsexpertin und Unternehmensberaterin, sowie Katrin Gottschalk, Chefredakteurin der taz, ging es um die Frage, warum Biodiversität im öffentlichen Diskurs oft vernachlässigt wird.  

Von links: Susanne Baumann, Jessy Wellmer, Frauke Fischer, Maria Furtwängler, Michel Abdollahi, Katrin Gottschalk  

Ein zentrales Thema: die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln. Während Umwelt- und Klimathemen vielen Menschen präsent sind, stoßen sie gleichzeitig auf Ermüdung oder Ablehnung – insbesondere in medialen Kontexten. 

Abdollahi fand dafür klare Worte: „Natur ist kein Hobby, sie ist unsere Infrastruktur.“ Und weiter: „Wer 30 % Schutz als ‚Ideologie‘ abtut, klaut der nächsten Generation die Lebensgrundlage.“ Sein Appell richtete sich vor allem an die Rolle der jungen Generation – nicht als symbolische Beteiligte, sondern als treibende Kraft für Veränderung.  

Frauke Fischer betonte, dass wir uns mit der Geschwindigkeit, Lösungen umzusetzen an die Geschwindigkeit anpassen müssen, mit der die Zerstörung fortschreitet. Und Katrin Gottschalk wies darauf hin, dass Biodiversität nicht automatisch die Menschen interessiere, es gelte, unter anderem popkulturelle Momente zu schaffen, um das Thema nach vorne zu bringen. 

Michel Abdollahi und Frauke Fischer 

Neue Narrative für den Naturschutz 

Ein zentrales Ergebnis der Veranstaltung: Es braucht neue Erzählungen. Weg von abstrakten Appellen, hin zu konkreten, emotionalen und verbindenden Geschichten. 
Die Kampagne setzt deshalb bewusst auf prominente Stimmen aus Kultur, Medien, Wissenschaft und Sport. Persönlichkeiten wie Udo Lindenberg, Maja Göpel, Annette Frier, Tupoka Ogette oder Leo Neugebauer teilen ihre ganz persönlichen Perspektiven auf Natur und Verlust. 
Auch Joko Winterscheidt, Lena Gercke und Florian David Fitz beteiligen sich mit Videobeiträgen. Ihre Botschaft ist klar: Naturschutz ist kein Spezialthema – er betrifft uns alle. 

Gemeinsamer Aufbruch 

Neben Kritik und Analyse stand vor allem eines im Fokus: die Suche nach Lösungen. Wie kann ein gemeinsamer Aufbruch gelingen? Welche Rolle spielen Politik, Medien und Zivilgesellschaft? Und wie lässt sich der Schutz der Biodiversität wieder stärker ins Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rücken? 
Susanne Baumann betonte die Dringlichkeit politischen Handelns und machte deutlich, dass das 30x30-Ziel keine Vision, sondern eine notwendige Mindestanforderung ist. 
Die Veranstaltung zeigte: Die Herausforderungen sind groß – aber die Möglichkeiten auch. 

Hoffnung als Handlungsmotor 

Am Ende bleibt vor allem ein Gedanke: Veränderung beginnt nicht nur mit Wissen, sondern mit Vorstellungskraft. Mit der Fähigkeit, sich eine andere Zukunft vorzustellen – und den Mut zu finden, sie gemeinsam zu gestalten. 

Oder wie Maria Furtwängler es formulierte: „Es geht nicht mehr darum, ob wir handeln müssen. Sondern wie wir endlich gemeinsam ins Handeln kommen.“ 

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