„Natur ist kritische Infrastruktur, von der unser Leben abhängt“ 

DLD Nature Salon: Für eine Transformation von Finanz- und Lebenswelt 

eim DLD Nature Salon am 7. Oktober 2026 im Berliner Museum für Naturkunde stand eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Wie integrieren wir den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen in politisches und wirtschaftliches Handeln? Es diskutierten Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft gemeinsam mit der MaLisa Stiftung, DLD, Campaign for Nature und der Senckenberg Gesellschaft.

Der DLD Nature Salon versammelte mehr als 200 Teilnehmende und setzte ein Signal im Vorfeld des Weltnaturgipfels COP17 in Eriwan. Die zentrale Botschaft: Natur ist keine schöne Kulisse, sondern die Grundlage unserer Wirtschaft, Sicherheit und unseres Wohlergehens. 

Maria Furtwängler, MaLisa Stiftung und Steffi Czerny, DLD. © Jason Harrell für DLD 

Maria Furtwängler, Schauspielerin, Produzentin und Mitgründerin der MaLisa Stiftung: „Wir müssen anfangen, Natur anders zu denken und anders über sie zu sprechen: nicht als schöne Kulisse oder als etwas, das einfach da ist, sondern als kritische Infrastruktur, von der unser Leben abhängt. Unsere Nahrung, unsere Gesundheit, unsere Sicherheit – und mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung hängen von funktionierenden Ökosystemen ab. Trotzdem investieren und erhalten wir Natur längst nicht so selbstverständlich, wie wir es bei Autobahnbrücken oder anderen kritischen Infrastrukturen tun. Was passiert, wenn Ökosysteme kippen und damit unsere Versorgung mit Kaffee, Kakao oder Orangen gefährdet ist? Biodiversität zu schützen heißt, unsere Lebensgrundlagen und unsere Sicherheit zu schützen.“

Natur schützen heißt, wirtschaftliche und gesellschaftliche Risiken begrenzen  

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, machte deutlich, wie ernst die Lage ist: „Wir haben die Erde aus dem sicheren Bereich gebracht. Wir sind in Gefahr.“ Jedes Zehntelgrad Erderwärmung mehr bedeute zusätzliches Leid für hunderte Millionen Menschen, mehr Überflutungen, Dürren und lebensbedrohliche Hitzewellen. Doch Rockström betonte auch, dass eine Kurskorrektur möglich ist: durch den Ausstieg aus fossilen Energien, weltweite Klimaneutralität bis 2050 und konsequente Investitionen in die Natur. 

Johan Rockström, PIK, © Jason Harrell für DLD 

Rockström verwies auf den jüngsten wissenschaftlichen „Planetaren Gesundheitscheck“: Bei der Biosphäre – also der Ausdehnung und Funktionsfähigkeit von Ökosystemen sowie der genetischen Vielfalt – bewege sich die Welt bereits in der Hochrisikozone. Jede weitere Schädigung schwäche die Fähigkeit der Natur, den Klimawandel abzumildern und Wasser, Nährstoffe und fruchtbare Böden bereitzustellen. Schon heute nehme die Natur bei steigenden Treibhausgasmengen zunehmend weniger zusätzlichen Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf. Auch der Amazonas-Regenwald sei durch Klimawandel, Abholzung und Degradierung näher an einem Kipppunkt, an dem er sich in eine Savanne verwandeln könnte, als bislang angenommen. Dabei trage allein die Natur an Land bereits wesentlich dazu bei, die Erderwärmung zu begrenzen – um rund 0,4 Grad Celsius.  

Wie eng Natur und Wirtschaft miteinander verbunden sind, unterstrichen auch die weiteren Expertinnen und Experten. Je nach Studie hängen mehr als die Hälfte oder sogar drei Viertel aller Unternehmen von mindestens einer Leistung der Natur ab. Valerie Hickey von der Weltbank betonte insbesondere die Bedeutung intakter Naturräume für die Wasserversorgung: „Wälder sind die günstigste und effektivste Technologie zum Sammeln, Reinigen, Speichern und Verteilen von Wasser.“ 

Dass der Verlust von Natur und biologischer Vielfalt auch ein nationales Sicherheitsrisiko darstellt, machte Richard Nugee, ehemaliger Generalleutnant der britischen Armee, deutlich. Länder wie Großbritannien und Deutschland seien auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Wenn exportierende Länder aufgrund schlechter Ernten ihre Bevölkerung selbst versorgen müssten und deshalb Ausfuhren stoppten, sei die Ernährungssicherheit der Importländer gefährdet. Als Beispiel nannte Nugee Indien, das 2023 den Reisexport eingeschränkt hatte, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen. 

Richard Nugee, Ex-General, und Anna Alex, Unternehmerin, © Jason Harrell für DLD. 

Sieben Billionen Dollar für Naturzerstörung – nur 200 Milliarden für ihren Schutz 

Ein zentrales Thema des Salons war die Rolle des Finanzsystems. Jährlich fließen rund sieben Billionen US-Dollar in Aktivitäten, die Natur zerstören; für ihren Schutz und ihre Wiederherstellung stehen dagegen nur rund 200 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Martin Stuchtey, Gründer und CEO der Landbanking Group, machte deutlich, dass weltweite Vermögenswerte von rund 620 Billionen US-Dollar von natürlichen Lebensgrundlagen wie intakten Böden, Wasserressourcen und einem stabilen Klima abhängen. Ihr wirtschaftlicher Wert werde jedoch kaum bilanziert. Der fortschreitende Biodiversitätsverlust sei deshalb auch ein erhebliches, bislang unterschätztes Risiko für das globale Finanzsystem. 

Es brauche neue Anlage- und Finanzierungsinstrumente, die den Erhalt und die Wiederherstellung von Ökosystemen wirtschaftlich attraktiv machen. „Der Finanz- und der Privatsektor denken in Preisen, was jemand bereit ist zu zahlen, nicht in Werten, was etwas wert ist“, sagte Valerie Hickey: Auch öffentliche Beschaffungsregeln müssten sich ändern: Beim Hochwasserschutz etwa könnten Mangroven eine wirksame Alternative zu Betonwällen sein. Während sich die Kosten klassischer Infrastruktur berechnen ließen, fehlten häufig vergleichbare Regeln für naturbasierte Lösungen. 

Eine entscheidende Voraussetzung für die Transformation seien verlässliche Umweltdaten und Transparenz über die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten. Ma Jun, Gründer des chinesischen Institute for Public and Environmental Affairs, zeigte, wie dies gelingen kann: In China ließen sich heute die Aktivitäten und Umweltwirkungen von 23 Millionen Unternehmen überwachen. „Wir brauchen einen gesunden Wettbewerb um die umweltfreundlichste Produktion. Dafür müssen wir Transparenz zur Norm machen“, so Ma Jun. Unternehmen müssten auch für Auswirkungen ihres Wirtschaftens jenseits der eigenen Landesgrenzen Verantwortung übernehmen. 

Von links: Jürgen Kern, KfW Gruppe, Ma Jun, Institute of Public & Environmental Affairs (IPE), Martin Stuchtey, Landbanking Group, Valerie Hickey, World Bank. © Jason Harrell für DLD. 

Landwirtschaft: Naturleistungen müssen sich lohnen 

Auch die Landwirtschaft leidet unter jahrzehntelangen falschen Anreizen. Eberhard Räder, Präsident von Naturland, erinnerte an eine vielfältige Agrarlandschaft mit Hecken, Bäumen, kleinen Feldern und unterschiedlichen Kulturen. Heute prägten vielerorts ausgeräumte Landschaften das Bild – eine Folge einer Politik, die vor allem auf immer niedrigere Kosten gesetzt habe. Zugleich produziere die Landwirtschaft nach Angaben der Zukunftskommission Landwirtschaft jährlich Nahrungsmittel im Wert von rund 70 Milliarden Euro, verursache aber Umweltschäden von rund 90 Milliarden Euro. Ein Großteil der Böden in der EU sei in einem schlechten oder sehr schlechten Zustand und könne Wasser immer schlechter aufnehmen und speichern. 

Julia Adou, Nachhaltigkeitschefin bei ALDI Süd, beschrieb das Dilemma des Handels: Verbraucherinnen und Verbraucher betonten in Befragungen, wie wichtig ihnen Nachhaltigkeit sei, entschieden sich an der Kasse aber häufig gegen höherwertige Lebensmittel. 

Jan Plagge, Präsident von Bioland, setzte dem eine konkrete Perspektive entgegen. Bioland und Naturland wollten gemeinsam daran arbeiten, Landwirte auch für Leistungen zu vergüten, die über die Nahrungsmittelproduktion hinausgehen – etwa für sauberes Trinkwasser, stabile Ökosysteme und artenreiche Landschaften. „Auch Landwirte sind Unternehmer. Die wollen eigentlich nicht gefördert werden. Die wollen ihr Geld mit ihrer Leistung verdienen“, sagte Plagge. Dafür brauche es funktionierende Märkte. Kooperationen über Wettbewerbsgrenzen hinweg seien möglich; die EU habe dafür rechtliche Spielräume geschaffen. Doch ohne politische Unterstützung, geeignete Rahmenbedingungen und finanzielle Anreize werde sich die Produktionsweise landwirtschaftlicher Betriebe nicht grundlegend verändern. 

Von links: Maria Furtwängler, Julia Adou, ALDI Süd, Jan Plagge, Bioland e.V., Eberhard Räder, Naturland. © Jason Harrell for DLD 

Welt muss vom Bekenntnis zur Umsetzung kommen 

Die Zwischenbilanz zur Umsetzung des globalen Weltnaturabkommens zeigt Fortschritte, reicht aber nicht aus, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Basile van Havre, einer der Architekten des Abkommens und Berater der armenischen COP-Präsidentschaft, sagte: „Wir haben als Weltgemeinschaft mehr gemacht als je zuvor zum Schutz der Biodiversität. Aber das ist nicht genug, um die Ziele des Abkommens zu erreichen. Wir müssen mehr tun!“ 

Von links: Jan Peter Schemmel, Campaign for Nature, Basile van Havre, Institute for Sustainable Development and International Relations, Lesley Dickie, BirdLife International, Emma Kandelaars, McKinsey & Company, Flore Ghetti, Global Youth Biodiversity Network. © Jason Harrell für DLD. 

Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf beim 30x30-Ziel: https://www.malisastiftung.org/news/natur-schtzen-leben-schtzen 

Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen geschützt werden. Nach Angaben einer von Campaign for Nature veröffentlichten Studie stehen weltweit bislang rund 20 Prozent der Land- und 10 Prozent der Meeresflächen unter Schutz. Würden alle Länder ihre nationalen Ziele umsetzen, ließe sich bis 2030 an Land ein Schutzanteil von 27 Prozent erreichen. Zugleich müsse sichergestellt werden, dass Schutzgebiete tatsächlich geschützt blieben und nicht trotz ihres Status durch zerstörerische Infrastruktur- oder Bergbauprojekte beeinträchtigt würden. Die Rechte und die wichtige Rolle indigener und lokaler Gemeinschaften, von Frauen und jungen Menschen müssten stärker anerkannt werden. 

Einigkeit bestand unter den Teilnehmenden darüber, dass der Gipfel die Umsetzung beschleunigen und die indirekten Treiber der Naturzerstörung angehen müsse. Dazu gehörten Reformen steuerlicher und finanzieller Anreize, damit öffentliche Gelder und Investitionen nicht länger die Zerstörung von Natur begünstigten. Erst in der vergangenen Woche hatten 130 große europäische Unternehmen in einem offenen Brief entsprechende Erwartungen an die Politik formuliert. 

Dass gemeinsame Finanzierung und Zusammenarbeit Wirkung entfalten können, zeigen konkrete Beispiele. Beim Legacy Landscapes Fund bündeln Geberländer und Philanthropen Mittel für die langfristige Finanzierung besonders wichtiger Naturschutzgebiete. Mit einer Finanzierungszusage der Bundesregierung von 100 Millionen Euro konnten weitere 200 Millionen Euro an Stiftungsgeldern mobilisiert werden – insgesamt genug für die kontinuierliche Basisfinanzierung von zehn besonders wichtigen Schutzgebieten in Afrika.  

Lesley Dickie, BirdLife International. © Jason Harrell für DLD 

Ein weiteres Beispiel ist die Zusammenarbeit von BirdLife International mit der Weltbank zum Schutz von zwei Milliarden Zugvögeln entlang ihrer Route von der arktischen Tundra bis ins südliche Afrika. „Diese Flugroute und die kritischen Habitate auf deren Weg zu schützen ist eine Gelegenheit, die Klima- und die Biodiversitätskrise in einer noch nicht dagewesenen Größenordnung anzugehen“, betonte Lesley Dickie, Vizepräsidentin von BirdLife International.

Klare Erwartungen an die Bundesregierung 

Zum Abschluss formulierten die Teilnehmenden konkrete Erwartungen an die Bundesregierung. Deutschland müsse seine internationale Zusage einhalten, jährlich 1,5 Milliarden Euro für den globalen Biodiversitätserhalt bereitzustellen. Zudem solle es innovative Finanzierungsmechanismen wie die Tropical Forest Forever Facility unterstützen und sich dafür einsetzen, dass der Verbrauch von Natur einen Preis erhält. 

Auguste von Bayern, Yu Zhang. © Jason Harrell für DLD 

Der DLD Nature Salon machte deutlich: Der Schutz der Natur ist keine Aufgabe allein für Umweltpolitik und Naturschutzorganisationen. Er betrifft Finanzmärkte, Landwirtschaft, Lebensmittelhandel, öffentliche Beschaffung und nationale Sicherheit. Die notwendigen Veränderungen gelingen nur, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam handeln, erfolgreiche Ansätze ausweiten und die Natur als unverzichtbare Grundlage unseres Wohlstands anerkennen. 

Viktor Yengibaryan, Armenische Botschaft,  Yelena Petrosyan. © Jason Harrell für DLD  

Viktor Yengibaryan, der armenische Botschafter, brachte als Vertreter des Gastgeberlandes des Weltnaturgipfels, die Dringlichkeit zum Abschluss auf den Punkt: „Die Natur zu schützen ist keine Wahl, die wir uns für morgen aufheben können, sondern eine Verantwortung, die wir heute annehmen müssen, insbesondere im Angesicht des Klimawandels.“ 

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